Open Source? Oh, nein, denn die "Community" ist mein...
| Samizdat heisst die Studie von Kenneth Brown, der Präsident der Alexis de Tocqueville Institution ist. Das erste Kapitel wurde vor rund einem Monat veröffentlicht und war alsbald Gegenstand heftiger Diskussionen. Brown versucht die Ähnlichkeit der Entwicklung von Unix über Minix zu Linux zu zeigen. Schlussendlich zielt er auf Linus Torvalds, der als Gründer von Linux gilt, und bezichtigt ihn des "Code-Klau's". | | Autor: vero - Date: 06.21.2004 - Size: 6726 chars - Hits / Day: 6.29 - Total Hits: 20676 | Samizdat bedeutet auf russisch Selbstverlag oder Eigenverlag. Der Begriff wurde mit der Zeit zu einem Sammelbegriff für die Untergrundliteratur, die eine unzensierte Alternative gegenüber der systemkonformen Literatur bot. Nur in dieser Form waren kritische und freie Beiträge möglich.
Die Autoren des Samizdat lebten in ständiger Gefahr, verhaftet und ins Gefängnis oder andere Arbeitslager deportiert zu werden. Die Repressionen waren zeitweilig enorm. Diese Reaktion der kommunistischen Regimes verraten die Bedrohung, welche die Regimes aufgehend vom Samizdat sahen.
Deutlich wird die grosse Bedeutung einer solchen Plattform bezüglich Systemwechseln – in Polen wirkte die Samizdat-Presse als Katalysator, wirkte also beschleunigend auf den Regimewechsel. In der ehemaligen Tschechoslowakei nahm die Samizdat-Presse im Vergleich mit Polen ein kleineres Ausmass an. Dennoch mag das Beispiel des ehemaligen Dissidenten und tschechoslowakischen Präsidenten Vaclav Havel andeuten, welchen Stellenwert die engagierte Untergrundarbeit haben kann.
Der Name Brown's Studie "Samizdat" ist wohl in Anlehnung an das Buch "Lions' Commentary on UNIX 6th Edition" gewählt, welches Vorlesungsskripte des australischen Professors John Lions umfassen, in denen Lions den gesamten Unix-Code zu Lehrzwecken kommentierte. Das Buch wurde 1978 von der damaligen Unix-Inhaberin Bell Laboratories verboten, und erfreute sich fortan als Samizdat in der Informatikwelt einer riesigen Nachfrage. Nach Brown ist es ein Raubdruck und das meistkopierte Buch in der Branche.
Brown's Studie trägt also den Namen der vermeintlichen Ursache des ganzen Übels...oder etwa nicht?
Mit Lions Veröffentlichung ist Open Source geboren. Source Code als knappes Gut ist Geschichte. Der Unix-Code war nun öffentlich, wurde aber nicht 1:1 übernommen. Vielmehr wurden Konzepte, Methoden und Begriffe (wieder-) verwendet und weiterentwickelt. Ist dies nun Diebstahl geistigen Eigentums? Darüber streiten sich die SCO Group mit IBM seit 2003 vor Gericht. Der Grundgedanke des Open Source, die ehrenamtliche Gemeinschaftsarbeit, wirkt magnetartig auf ständig mehr Anhänger. Unzählige Entwickler basteln an zahlreichen Projekten und tragen mit ihren Ideen zu Verbesserungen und Weiterentwicklungen bestehender Software bei. Der engagierte Entwickler trägt so selbst zum Wohl der Allgemeinheit bei. Suchte man eine Anlehnung an ein politisches Konzept, würde sich die direkte Demokratie anbieten. Hat also Samizdat einmal mehr den zündenden Antrieb eines Systemwechsels gegeben?
Zusammenfassend entsteht ein Bild mit zwei gegensätzlichen Polen. Auf der einen Seite die Open Source Community, mit der direkten Demokratie, die seit dem Ende der 70er Jahre über ein legendäres Samizdat-Werk verfügt, deren Konzepte und Methoden sie weiterentwickelt hat, und, gefördert durch IBM, Linux erfolgreich etabliert hat und nun durch IBM vor Gericht vertreten wird. Auf der anderen Seite steht die SCO-Group deren Source Code – sie besitzt Patente und Urheberrechte der ehemaligen Bell Laboratories – ohne Genehmigung veröffentlicht wurde (vor mittlerweile 35 Jahren!) und nun die IBM auf eine Milliarde verklagt hat wegen Diebstahl geistigen Eigentums.
Gegenüber stehen sich aber auch zwei unterschiedliche Philosophien: die Open Source Community sieht die Software als freies Gut, es ist nicht knapp und kann somit kein Produkt sein. Die Software wird als Dienstleitung betrachtet. Einzig der Support ist vermarktbar. Dem gegenüber steht die Auffassung der Software – neben dem Support, versteht sich - als knappes Gut, als verkaufbares Produkt.
Gut-Böse, Neu-Alt, David gegen Goliath also. Sollte die Brown-Studie sinnbildlich den Namen der neuen Ära Open Source tragen? Wohl eher nicht. Doch weshalb nennt sich das Brown’s Buch Samizdat? Sollte sich die Brown-Studie selbst als Samizdat bezeichnen?
Wessen autokratisches System ist zu stürzen? Jenes der Open Source Community, wo jeder seinen Senf dazu beitragen kann? Nein, eher unwahrscheinlich. Zudem wäre die Vorstellung des Versuches sich ein anderes Image zu verpassen, und zwar das des Dissidenten, der gegen die Diktatur kämpft und Informationen wie auch verschiedenste Meinungen der Öffentlichkeit zugänglich macht, kaum zu übertreffen an Absurdität.
Zum Schluss bleibt festzustellen, dass mit Brown's Buchtitel "Samizdat" klar wird, dass sich bereits ein neues System, das Open Source System, etabliert hat. Gegenüber steht der hierarchische Konzern, der mit Informationen noch Geld erwirtschaftet, anstatt sie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Mit der Wahl des Buchtitels von Brown macht er mit dem Begriff "Samizdat" selber auf diese anachronistische Auffassung aufmerksam.
Brown's Buch trägt – wohl kaum absichtlich - den treffendsten Namen, den sich der Verfasser hat aussuchen können.
Quellen:
Münch, Holger (1995/96): Von "moralischer Schizophrenie" zu "schizophrener Moral".
Untersuchung des polnischen Mediensystems im politischen Wandel aus
akteurstheoretischer Perspektive.
http://www.heise.de/newsticker/meldung/47418/ http://www.heise.de/ct/aktuell/meldung/44492 http://de.wikipedia.org/wiki/Samisdat http://www.totalita.cz/norm/norm_03.php http://www.totalita.cz/norm/norm_04.php http://www.totalita.cz/vysvetlivky/samizdat.php
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